Freud und Leid der Freiberuflichkeit

Seit fast sechs Jahren arbeite ich nun als freiberufliche Lektorin. Also selbstständig. Mit allem Drum und Dran. Und das ist auch gut so. Trotzdem stoße ich dabei immer mal wieder an meine Grenzen. Nicht an meine fachlichen, das klappt schon alles. Aber manchmal frage ich mich, ob die Freiberuflichkeit wirklich und für immer das Richtige für mich ist.

Um das beantworten zu können, muss ich mir dann erst einmal wieder klarmachen, warum ich denn eigentlich freiberuflich arbeite. Im Grunde hat es sich mehr oder weniger so ergeben und angeboten. Ich habe ein Jahr lang ein Volontariat in einem großen Verlag gemacht und schon währenddessen darüber nachgedacht, dass ich das, was ich dort mache, genausogut zu Hause machen kann. Außerdem war ich recht unglücklich mit den hierarchischen Strukturen und den daraus resultierenden Konsequenzen. Und zu guter Letzt war es ganz typischer Büroalltag. Fast wie bei Stromberg. Ich hatte ein paar total tolle Kollegen, gar keine Frage, aber es gab Bürotratsch, Liebeleien, Geflüster usw. Das liegt mir überhaupt nicht. Ich möchte gerne meine Arbeit machen, gerne mit ein paar netten Kollegen gut zusammenarbeiten, aber ich will nicht lästern, tratschen oder mich über die oberen Etagen echauffieren.

Da ich während der Zeit für das ein oder andere Projekt auch freiberufliche Lektoren beauftragen musste, kam ich schnell zu der Erkenntnis, dass mir die Arbeit freiberuflich ja auch ganz gut liegen könnte. Vor allem weil ich mitbekommen habe, dass sehr viel Arbeit anfällt und wir immer weniger in der Redaktion selbst geschafft haben. Außerdem wurde mehr und mehr Personal abgebaut, sodass zu erwarten war, dass die Aufträge für Externe nicht weniger werden.

Also habe ich mich 2007 selbstständig gemacht. Seitdem arbeite ich zu Hause an meinem Schreibstisch. Allein. Ohne feste Arbeitszeiten, ohne Kollegen, ohne hierarchische Strukturen, ohne Vorgesetzte, nur dann, wenn ich will. Ein Paradies! Ich kann aufstehen, wann ich will, ich kann arbeiten, wann ich will, ich kann so viel Kaffee trinken, wie ich will. Ich kann zwischendurch die Waschmaschine anschmeißen, mit Mutti telefonieren, schnell noch ein Päckchen für die Nachbarin annehmen und kurz mal durchsaugen. Essen kochen, einkaufen gehen, Spülmaschine ausräumen. Nicht zu vergessen: im Internet surfen, Mails checken, Facebook wissen lassen, dass ich online bin.

Das alles ist toll, ich bin mein eigener Herr, mir kann niemand was vorschreiben, ich arbeite in die eigene Tasche und nicht in die eines anderen. Aber gleichzeitig macht mir das alles mein Leben manchmal auch schwer. Leider bin ich von Haus aus kein gut strukturierter und organisierter Mensch. Ich stehe ungern ganz früh auf, halte keine gute Ordnung auf meinem Schreibtisch und lasse mich auch wahnsinnig leicht ablenken. Meine Familie und Freunde finden es außerdem prima, dass man mich mal eben erreichen kann – ich bin ja schließlich sowieso zu Hause, da kann man auch mal eben durchklingeln (was mich dann auch wieder aus meiner Arbeit reißt). Ich muss eine ordentliche Buchhaltung führen – ganz fies; Umsatzsteuervoranmeldungen abgeben – püühh; Honorare verhandeln – uff; (eigentlich) neue Kunden akquirieren – brrrr. Oft arbeite ich am Wochenende und am Ende des Monats weiß ich manchmal nicht so genau, woher das Geld für die Miete kommen soll, da manch eine ausstehende Rechnung erst zwei bis vier Wochen später fällig ist. Das ist nicht schön.

Wenn ich mir das alles so durch den Kopf gehen lasse, komme ich in unweigerlich an den Punkt, an dem ein fester Job plötzlich wieder sehr reizvoll wird. So ein richtig echter Job, in dem man monatlich seine Kohle auf dem Konto hat, in dem man feste Arbeitszeiten hat, in dem man dann auch tatsächlich Feierabend hat und in dem man Kollegen hat, mit denen man zwischendurch mal einen Plausch halten kann über Fachliches oder auch einfach mal über’s Wetter.

Freud und Leid der Freiberuflichkeit … was wiegt schwerer?

9 Gedanken zu „Freud und Leid der Freiberuflichkeit

  1. Dani

    Freud … ich denke das Problem ist der fehlende Plan bei Dir. Mach Ihn, strukturiere Dein Arbeiten und man kann genau so mal in einem netten Cafe Termin machen + arbeiten. Du musst nicht wenn Du arbeitest für Familie da sein. Wenn es aber das finanzielle ist, diese gewisse Sicherheit das musst Du für Dich dann anderes entscheiden.
    LG sendet Dani

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    1. Michaela

      Damit hast du natürlich recht, strukturieren und einen Plan machen hilft. Allerdings ist ja gerade das für mich nicht ganz einfach, da ich zum einen selbst etwas unstrukturiert bin und sich zum anderen meine Kunden ja auch nicht an einen PLan halten. Da kann an einem Tag wie heute auch mal alles durcheinandergehen. Vorgezogene Abgabetermine, plötzlich eintreffende Manuskripte, die schnell zurückgeschickt werden müssen, Telefonate usw. Leider fällt in einem Café arbeiten auch aus, da ich oft mehrere hundert Seiten Papier auf dem Tisch habe, dann doch auch mal die gedruckte Version meiner Wörterbücher brauche und parallel Dinge im Internet recherchieren muss.
      Aber die Sache mit der Struktur werde ich nochmal angehen :)
      LG

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  2. Anne

    Oh ja. Das kenn ich, wenn auch nur aus zweiter Hand, aber es reicht, um die Problematik zu verstehen. Ich war ja ganz froh, als der Mann die Festanstellung angenommen hat, auch wenn das weniger Geld und weniger Flexibilität bedeutete. Dafür aber auch: Weniger Aufwand, sich um Aufträge zu kümmern, weniger durch NRW kurven (in dem Fall hieß freiberuflich nämlich leider nicht, dass er von zu Hause aus arbeiten konnte), weniger Wochenendarbeit und auch: weniger Steuerchaos. Die perfekte Lösung gibt’s wahrscheinlich nicht.

    Ich bin ja eher kein Typ für Selbstständigkeit, aber so gelegentlich guck ich doch neidisch auf die Leute, die sich alles frei einteilen können (zumindest gefühlt). Aber dann denk ich auch wieder daran, wie schön ich Überstunden abfeiern kann und dass ich eben abends und am Wochenende frei hab und da kein schlechtes Gewissen haben muss, weil ich eigentlich noch was arbeiten könnte und dass am Ende des Monats das Gehalt auf dem Konto ist ohne, dass man Rechnungen schreiben oder gar eintreiben müsste und dann bin ich wieder ganz zufrieden.

    Ich glaub, Zweifel hat da jeder mal, in beide Richtungen. Und man ist ja auch nicht gezwungen, sich lebenslang an ein Modell zu binden.

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    1. Michaela

      Interessant, dass ihr auch Erfahrungen mit Freiberuflichkeit habt. Du hast natürlich vollkommen recht, Zweifel hat jeder in jede Richtung! Auf jeden Fall. Und weil ich das weiß, bin ich dann doch immer wieder ganz froh, selbstständig zu sein.
      Und dass man sich nicht lebenslang binden muss, sage ich mir auch immer wieder. Man muss sich nur von dem Gedanken befreien, man hätte versagt, falls man sich wieder für ein anderes Modell entscheiden sollte. Damit hat es ja rational gesehen nichts zu tun, aber man kommt da gedanklich schnell hin zu denken „Ich hab’s nicht geschafft, ich bin ein Loser.“

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  3. LinaLuna

    Hui, ja, kann ich sehr gut nachvollziehen, Deine Gedanken.
    Ich bin ja auch irgendwo zwischen frei und angestellt. Ich schreibe zwar Rechnungen, aber habe feste Termine, die ich einhalten muss (also Musikschule).
    Gerade finanziell gesehen ist das oft eine mittlere Katastrophe. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert (wie bei mir letztes Jahr plötzlich Trennung und Umzug), dann ist man echt am A…
    Was Du beschreibst, kenne ich auch alles von meinem Ex. Der hat die gleichen Vorzüge und Nachteile als Selbstständiger (ja, ich weiß, ist noch was anderes als Freiberufler).
    Ich habe ihm auch oft gesagt, dass ich das nicht könnte.
    Der steht morgens um 7 auf um dann ab 8 für die Kunden im Büro zu sitzen.
    Könnte ich nicht. Ich würde wahrscheinlich erst um 10 frühestens aus dem Quark kommen.
    Und genau, das mit den privaten Anrufen war bei ihm auch so. Vor allem, als seine Mutter noch lebte, hat die fast täglich mitten in der Arbeitszeit für eine Stunde oder mehr angerufen. Fand ich voll daneben.
    Aber er hätte ihr ja sagen können, dass sie das bitte lassen soll.
    Ich glaube auch, dass man, wenn man ein Home Office hat, ganz klare Regeln haben muss. Also Arbeitszeiten festlegen (das hat er auch gemacht, 17 Uhr Feierabend, Wochenende frei und dafür aber wirklich morgens angefangen). Regeln für Freunde und Familie (allen Bescheid sagen, dass sie einen in Ruhe lassen sollen von … bis … Uhr und nur in dringenden Sachen anrufen).
    Die Idee mit dem Café finde ich auch gut. Ich weiss ja nicht, wie flexibel Du bist, ob das am Laptop geht, Deine Arbeit… ich kenne eine Schriftstellerin, die sich öfter so in ein Caf’e setzt, wenn sie mal aus der Bude raus muss und dann da schreibt.
    Jedenfalls kann ich Deine Gedanken sehr gut verstehen- gerade auch, wenn man vielleicht noch eine Familie gründen will (?), kommt die Frage wieder auf. Klar ist das dann toll, wenn man zuhause beim Kind sein kann, aber gearbeitet kriegt man dann wahrscheinlich gar nichts mehr.

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    1. Michaela

      Ja, dann weißt du ja nur zu gut, wie das ist.
      Klare Regeln nehme ich mir immer wieder vor. Aber wenn dich niemand anders als du selbst an deren Einhaltung bindet, wird es schwierig. Zumindest für mich. Gibt ja Menschen, die sind diszipliniert etc. Ich bin das nur, wenn der Abgabetermin drückt.
      Aber gleichzeitig ist das ja auch das total Schöne an der Freiberuflichkeit, dass ich eben machen kann, was ich will. Und wenn ich halt mal lange schlafen will, dann tue ich das einfach. Man muss eben nur den kleinen Mann im Ohr abschalten, der die ganze Zeit mit erhobenem Zeigefinger vor einem steht wie vor einem kleinen Kind und die ganze Liste von Ermahnungen auffährt wie „Wer lange schläft, ist faul“ usw. Ich muss auch einfach ein wenig gelassener werden :)

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  4. LinaLuna

    P.s.: Und meine Steuererklärung könnte ich vermutlich auch selbst machen, wenn ich Angestellt werde. Als Freiberufler lasse ich die machen, das ist mir sonst zu kompliziert. Dabei habe ich sowas wie Umsatzsteuer noch nichtmal.

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    1. Michaela

      Bis letztes Jahr habe ich die immer selbst gemacht. Aber jetzt, wo wir das Haus gekauft haben, verliere ich den Überblick. Keine Ahnung mehr, wie man das alles abrechnet usw. Da wird jetzt auch ein Steuerberater fällig. Leider.

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  5. Tina

    Deine Probleme kommen mir zumindest aus dem Studium äußerst bekannt vor… ich würde es glaube ich nicht gut durchhalten, mich immer selbst motivieren und strukturieren zu müssen. Dein großer Vorteil ist ja, dass du, solltest du dir wirklich eine Festanstellung suchen, jederzeit zurück in die Selbständigkeit gehen könntest. Erfahrung genug hast du ja :)

    Liebe Grüße!

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